Auch wenn der Sommer 2024 in vielerlei Hinsicht nicht dem entsprach, was sich Remo Kobluk – und mit ihm ganz viele andere auch – erhofft hatten : Lamentieren mag der CEO der Rugenbräu AG in Matten bei Interlaken nicht. Viel lieber spricht er darüber, wie sich der Getränkemarkt entwickelt, das eigene Unternehmen, die ganze Branche. « Wir stehen alle vor Herausforderungen », sagt Kobluk. « Und ich bin überzeugt, dass wir sie meistern können. »

Als Nummer 8 unter den Schweizer Brauereien ordnete die Handelszeitung das Berner Oberländer Haus Ende 2023 ein – wobei Feldschlösschen, Appenzeller ( mit den Chopfab-Bieren ) und Heineken Switzerland faktisch in einer eigenen Liga spielen und rund zwei Drittel des Marktes unter sich aufteilen. Für ein KMU mit rund 60 Angestellten, das die Rugenbräu AG ist, bedeutet das, täglich neu einen Spagat zwischen Masse und Klasse zu wagen. Wobei Kobluk selbstverständlich sagen würde, dass auch die Masse aus dem Hause Rugenbräu von grosser Klasse ist.
Fakt ist : Egal wie sehr neue Biere gefeiert werden, wie gerne neue Geschmäcker ausprobiert werden und wie stark junge Menschen alkoholfreie Produkte nachfragen – 69 Prozent des Biers, das in der Schweiz konsumiert wird, ist klassisches Lagerbier.
Wohl mögen die 457 Millionen Liter Bier, die hierzulande allein im letzten Jahr getrunken wurden, als viel erscheinen. Trotzdem ist der Bierkonsum seit Jahren rückläufig. Was immer wieder die eine oder andere Brauerei in Schwierigkeiten bringt. So wie zuletzt Chopfab Boxer in Winterthur. Mit der Übernahme von Boxer hatten sich die jungen und schnell wachsenden Zürcher übernommen – so dass nun die Firma Locher aus dem Appenzellerland zu Hilfe eilen musste.
Wie kommt es nun, dass ausgerechnet ein Haus wie Rugenbräu in den letzten Jahren immer nur positive Schlagzeilen machte – selbst während Corona, wo das Unternehmen härter als andere getroffen wurde, weil es nicht nur von der einheimischen Gastronomie abhängig ist, sondern auch vom globalen Tourismus, der im Berner Oberland einen wichtigen volkswirtschaftlichen Faktor markiert ?
« Es ist nicht so, dass uns Corona nicht auch mit voller Wucht getroffen hätte », sagt Kobluk. « Und in manchen Bereichen sind wir noch immer noch weit entfernt von 2019, das in allen Firmenbereichen ein Allzeit-Rekordjahr markierte. » Aber vielleicht liegt das Geheimnis von Rugenbräu gerade in der Mehrzahlform des Wortes « Firmenbereiche », die CEO Remo Kobluk anspricht.

Schon 1999 präsentierte die Rugenbräu AG den ersten offiziellen in der Schweiz destillierten Bierbrand. Damit wurde es in der Schweiz möglich, Whisky herzustellen. Im Juni 2000 setzte Rugenbräu mit dem Mountain Twister auf die Alcopop-Schiene. Aber anstatt das Getränk nach Abflauen des Hypes um die süssen Biere einzusargen, wurde es 2024 mit einer weiteren alkoholfreien Version ergänzt. Womit Rugenbräu ein weiteres Mal der Zeit voraus war. Mit der Apricot-Variante von Mountain Twister ist seit diesem Jahr ein weiteres Produkt im selben Segment auf dem Markt, « das sich besser entwickelt, als wir es erwartet hatten », wie Kobluk sagt.

Whisky, Gin, Apfel- oder Aprikosen-Mischgetränke und dazu einen ganzen Strauss von Biersorten vom Starkbier bis zum alkoholfreien : Die Rugenbräu AG ist heute viel mehr, als nur eine Brauerin von Lagerbier. Und selbst das ist nicht alles, was das Unternehmen im Besitz von Andrea Dähler-Hofweber im Angebot hat. « Wir sind ein Gesamt-Beverage-Anbieter für unsere Kundinnen und Kunden in der Gastronomie und im Event-Bereich », sagt Kobluk. Will heissen : Neben den Getränken, welche Rugenbräu selber herstellt, handelt sie auch mit Mineralwasser oder Wein. In der Rugen Gnuss-Wält am Produktionsstandort Matten kommen alle privaten Kundinnen und Kunden auf ihre Rechnung, die entweder gerne selber ausgiebig geniessen oder gerne Genuss verschenken.
Und – was vielen Veranstalterinnen und Veranstaltern nicht bewusst ist : Rugenbräu ist in den letzten Jahren zu einer grösseren Nummer im regionalen Event-Geschäft gewachsen. Neben der Produktion in Matten und dem Getränke-Depot in Zollikofen führt das Unternehmen auch ein beachtliches Depot mit Event-Material in Ringgenberg. Kein Wunder : Als Partner von Gross-Events wie dem ehemaligen SnowpenAir auf der kleinen Scheidegg, dem Touch The Mountains in Interlaken oder den beiden mehrtägigen Events Trucker & Country-Festival sowie Greenfield auf dem Flugplatz zwischen Matten und Interlaken. « Da können wir problemlos sämtliche Infrastruktur für Grossanlässe mit bis zu 80 0000 Personen stellen », sagt Remo Kobluk. « Auch Schwingfeste wie das Oberländische oder das Unspunnenfest, das sehr gross ist, können wir bedienen. »
Bietet das « Eidgenössische », das 2028 in Thun stattfinden wird, in dem Fall die ideale Gelegenheit, die nächste Stufe zu zünden und weiter zu expandieren ? Kobluk lacht und sagt : « Wir werden am Eidgenössischen versuchen, in irgendeiner passenden Form präsent zu sein – aber das ganze Fest würden wir nicht im Alleingang stemmen können. Und auch nicht wollen. »
« Es freut uns natürlich, wenn Posts mit Rugenbier um die Welt gehen. »
Remo Kobluk
Bei allem Willen zu Innovation und Weiterentwicklung wird im Gespräch mit dem Rugen-CEO immer wieder klar, wie hoch die Berner Oberländer die Tugend der Bescheidenheit bewerten. « Liefere, statt lafere » lautet die Devise. Viel lieber als über Zahlen spricht Remo Kobluk denn auch über neue Produkte, die Bewegungen, welche das Unternehmen und die Branche umtreiben, oder den Fachkräftemangel, der sich mit der Corona-Pandemie rasch und nachhaltig verschärft hat.
« Als wir – und damit meine ich die Branche und nicht nur unsere Firma – nicht mehr produzieren konnten, weil die Gastronomie und der Veranstaltungsbereich still standen, haben sich viele Angestellte nach neuen Jobs umgesehen », sagt Kobluk. « Brauerinnen und Brauer wurden auf der Suche nach Arbeit beispielsweise in der Chemie fündig, wo sie gleich geblieben sind. » Weshalb nicht nur die Rugenbräu AG gefordert ist, an der Job-Front aktiv zu werden, wenn sie wieder genügend qualifiziertes Personal finden will.
Bei den Berner Oberländern bedeutet das einerseits, dass man Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger etwa aus der Gastronomie oder der lebensmittelverwandten Branche an Bord holen will. « Und dann wollen wir unbedingt mehr junge Leute ausbilden », sagt Kobluk. Die Dringlichkeit dieser Aussage wird spätestens dann klar, wenn man sich vor Augen führt, dass aktuell etwa acht Brauerinnen und Brauer jährlich ihre Ausbildung abschliessen. Schweizweit. « Dass wir seit August drei Brauer in Ausbildung haben – je einen pro Lehrjahr – macht uns deshalb auch ein wenig stolz », sagt Kobluk.
Damit der Nachwuchs auch in Zukunft den Weg in die Produktionsanlagen von Rugenbräu findet, setzt das Unternehmen denn auch alle Hebel in Gang. So wurde der Zukunftstag von einem Tag, an dem Mädchen die Väter begleiten, ausgeweitet : Auch Jungs sind willkommen – und nicht nur Kinder von Angestellten oder deren Verwandten, sondern alle Interessierten. « Der Brauberuf kann sehr sexy sein », sagt Remo Kobluk. « Er stellt natürlich gewisse körperliche Anforderungen, zum Beispiel, wenn man mal einen Sack Malz hochheben muss. Aber das ist erstens günstiger als das Gym und zweitens haben wir heute viele Hilfsmittel, welche die Arbeit erleichtern. » Sein Werbespot geht indes weiter : « Mit Labor-Arbeiten oder der Kontrolle von Lebensmittel- und Hygienevorschriften wird der Job sehr vielseitig – und nicht zu vergessen die Kreativität, welche man bei der Entwicklung neuer Produkte voll ausleben kann. »


Und diese neuen Produkte – davon ist nicht nur Kobluk überzeugt – werden in Zukunft wichtiger. Denn auch wenn mehr als zwei Drittel des Biers, das die Schweiz heute konsumiert, heute noch Lagerbier ist : Mehr als jede dritte Person, die Bier trinkt, möchte nicht Lager, sondern ein besonderes Craft-Bier oder eines der vielen alkoholfreien Biergetränke, die mittlerweile am Markt sind. Für Kobluk ist klar : « Die Tendenz zeigt klar in die Richtung, dass sich die Produktepalette verbreitert und dass gerade junge Menschen bewusster und gesünder geniessen wollen. » Was den Brauer-Job tendenziell « anspruchsvoller, aber eben auch spannender und vielseitiger » mache.
Und dann kommt bei Rugenbräu noch ein weiterer Aspekt hinzu, den beileibe nicht alle Brauereien bieten können : Als Biermarke in einer Region, die stark vom Tourismus geprägt ist, ist sie bei Touristinnen und Touristen aus aller Welt hoch im Kurs. « Die wollen ein lokales Bier und teilen das dann auf sozialen Medien », sagt Remo Kobluk. « Und es freut uns natürlich, wenn Posts mit Rugenbier um die Welt gehen. »
Eine Möglichkeit, den internationalen Markt zu erobern ? « Nein », sagt Remo Kobluk. « Wir sind eine regional verankerte Brauerei und werden das auch bleiben. » Aber der Fan in Los Angeles, der « immer wieder ein paar Paletten » bestelle, der könne auch mit der bestehenden Firmengrösse und -struktur bedient werden.