Weil ihnen niemand half, halfen sie sich selber : 1959 gründeten Menschen mit einer körperlichen Einschränkung am Hännisweg im Gwatt bei Thun die Stiftung « Wohn- und Arbeitsheim für körperlich Schwerbehinderte Gwatt », die heutige WAG. Das Ziel der Gründerinnen und Gründer : Einen Ort schaffen, an dem Behinderte möglichst selbstständig leben, arbeiten und für ihre Lebenskosten aufkommen konnten. So schreibt es die WAG auf ihrer Webseite.

Mehr als 60 Jahre später ist die Zielsetzung der Wohn- und Arbeitsgemeinschaft Gwatt, WAG, immer noch gleich gelagert : Menschen mit einer Beeinträchtigung betreuen und begleiten, damit sie im sozialen und gesellschaftlichen Leben integriert sind. Moderne Arbeitsplätze und möglichst individuelle Wohnformen stellen sicher, dass dieses Ziel erreicht werden kann. Und auch nach der Arbeitswelt können die Menschen in der WAG wohnen bleiben. Dafür hat sie am Hännisweg neben dem Haupthaus Nummer 7 in unmittelbarer Nähe das Haus Nummer 10 gebaut.
Insgesamt arbeiten bei der WAG 75 Personen, die mit körperlichen Einschränkungen leben. 82 Personen, die sich gut 63 Vollstellen teilen, sind für die Betreuung dieser Menschen sowie für die Administration und Organisation des gesamten Betriebs im Hintergrund engagiert.
Nun bezieht sich das mit dem «modern » im neuen Jahrtausend vor allem auf die Arbeitsplätze an der C.F.L.-Lohnerstrasse. Dort werden für die Maschinenindustrie hochpräzise technologische Teile für Maschinen produziert, die nicht nur von Thun aus in die ganze Welt gehen. « Bei den Wohnbauten namentlich am Hännisweg 7 dürfen wir allerdings nicht mehr von ‹ modern › sprechen », sagt Ursulina Huder. « Das Wohnhaus am Hännisweg 7 ist definitiv in die Jahre gekommen und entspricht in vielerlei Hinsicht nicht mehr den heutigen Anforderungen. » Nachdem intensive Abklärungen gezeigt hatten, dass eine Sanierung kein Thema sein kann, wurde 2023 mit dem Neubau begonnen.
« Diese zwei neuen Wohnhäuser bedeuten einen Mega-Schritt für uns. »
Ursulina Huder
Huder präsidiert die WAG-Stiftung seit drei Jahren – und ist damit jene Präsidentin, unter deren Ägide am Hännisweg im Gwatt gerade ein « Generationenprojekt » umgesetzt wird, wie Huder es nennt : Zwei Wohn-Neubauten für rund 18,8 Millionen Franken. « Diese zwei neuen Wohnhäuser bedeuten einen Mega-Schritt für uns », sagt die Präsidentin des Stiftungsrats.

Gebaut wird bei der WAG in Etappen : Zunächst wurde ein Bau abgerissen, in dem einst die Werkstätte untergebracht war – und damit jene Arbeitsplätze, die heute an der C.F.L.-Lohnerstrasse angesiedelt sind. Hier wurde in den letzten Monaten ein Neubau mit 16 Zimmern für betreutes Wohnen hochgezogen, die ab Mai 2025 bezogen werden können.
« Die Wohnungen sind alle hindernisfrei – und über einen separaten Eingang zugänglich, sodass die Menschen wie in einem ganz ‹normalen› Mehrfamilienhaus ein und aus gehen können. »
Ursulina Huder
Im Herbst fahren dann wieder die Bagger auf und es geht dem heutigen Wohnbau an den Kragen. Ziel ist, dass dort Ende 2026 13 neue 2 ½- bis 3 ½-Zimmer-Wohnungen bezogen werden können, in denen die Bewohnerinnen und Bewohner grundsätzlich autonom leben. « Aber bei Bedarf können sie Dienstleistungen wie Spitex oder ähnliche Angebote in Anspruch nehmen », sagt Ursulina Huder. Im Vordergrund stehe aber ganz klar die Autonomie der Bewohnerinnen und Bewohner. « Die Wohnungen sind alle hindernisfrei – und über einen separaten Eingang zugänglich, sodass die Menschen wie in einem ganz ‹ normalen › Mehrfamilienhaus ein und aus gehen können. »
So ganz « normal » ist das Wohnhaus dann aber doch nicht. Denn es wird im Erdgeschoss auch ein öffentliches Restaurant beheimaten. « Hier sollen sich nicht nur die Leute treffen und begegnen können, die in der WAG wohnen und arbeiten », sagt Ursulina Huder, « sondern ganz einfach alle ». Sie hofft, dass das neue Restaurant zu einem Quartier-Treffpunkt wird, der über das Gwatt hinaus bekannt wird.
Dieses « Zusammen » ist etwas, was die WAG auszeichnet. Natürlich manifestiert sich dies nicht zuletzt in der WAGMusic !, die seit bald 30 Jahren in der ganzen Welt für positive Schlagzeilen aus dem Gwatt bei Thun sorgt. Aber « Zusammen » wird auch beim laufenden Bauprojekt gross geschrieben. « Wir haben eine ständige Begleitgruppe seitens der Angestellten und der Pflege, die ihre Wünsche und Bedürfnisse im Rahmen eines wöchentlichen Austausches einbringen kann », sagt Ursulina Huder. « Und auch die Bewohnerinnen und Bewohner können ihre Anliegen in einer Begleitgruppe einbringen. »

Noch keine echte Lobby haben indes die Kinder, die dereinst im Restaurant selber oder im Garten desselben als Gäste herumtollen sollen. « Das wäre noch unser grosser Wunsch », sagt Ursulina Huder: « Dass wir da etwas realisieren könnten, das den Kindern Freude macht. Aber Stand heute ist die Finanzierung für so was noch nicht gesichert. » Doch Huder will die Flinte noch nicht ins Korn werfen: « Noch haben wir Zeit, weiter Spenden zu sammeln oder Partner zu finden, die uns vielleicht helfen, im Garten auch noch was Schönes auf die Beine zu stellen, das den Bewohnerinnen und Bewohnern aber auch unseren Gästen – jung und alt – Freude macht. »